Warum man Torwart wird

Torwart Sieg

Aus welchem Grund betreiben wir einen Mannschaftssport und sind trotzdem Individualisten? Wir Torhüter haben ein anderes Trikot an als die Feldspieler, wir dürfen den Ball im 16-Meterraum in die Hand nehmen und wir haben im Spiel eine besondere Position, wir sind der letzte Mann! Hinter uns steht niemand mehr. Wir haben es in der Hand, eine Fehlerkette, die sich vor uns abgespielt hat, zu berichtigen, zu korrigieren und das Gegentor und damit einen negativen Spielverlauf oder ein negatives Ergebnis zu verhindern.

Warum stellt man sich in dieses Tor, wirft sich mit dem Kopf voraus den Stürmen entgegen, springt mit angezogenen Knien in einen Pulk von Mit- und Gegenspielern um den Ball aus der Gefahrenzone zu befördern? Warum liebt man es im Training in der Pfütze zu landen und sich bei diversen Torwartübungen im Matsch zu suhlen? Warum lässt man sich die Bälle aus kurzer Distanz auf den Körper schießen und hält den ein oder anderen Ball auch mit dem Gesicht? Was verbirgt sich hinter dieser Position des Torwarts und was hinter der Entscheidung eines Fußballers, Torwart zu werden?
Ich möchte versuchen ein paar Antworten zu geben und hoffe auf eine rege Diskussion.

Zeiten ändern sich – Der Torwart wird zum ersten Stürmer

Die Zeiten, in denen es hieß, dass immer nur die kleinen Dicken ins Tor gestellt werden, sind lange vorbei! Der Torwart nimmt im heutigen Fußballspiel eine ganz besondere Position ein. Er ist nicht mehr nur Torverhinderer, nein, er ist der Letzte im Defensivverbund, aber auch der Erste der umschaltet und den Spielzug einleitet. Letztlich wird der Torwart auch auf Grund der taktischen Ausrichtungen der Mannschaften (Vierer- oder Dreierkette) immer mehr zum mitspielenden Torwart und nahezu zum Libero. Deshalb werden heute auch hohe fußballerische Anforderungen an den Torwart gestellt.

Torwart – Eine extreme Position

Der Torwart bewegt sich auch immer auf einem schmalen Grad. Durch einen einzigen Fehler in 90 Minuten wird er zum Depp. Er kann vorher durch spektakuläre Aktionen zum Held geworden sein. Durch eine einzige missglückte Aktion, ein Zögern bei einer Flanke, das Fallenlassen des Balls oder durch den berühmten Tunnel nimmt das Spiel eine Wendung und kann verloren gehen. Der Torwart ist dann der Depp. Jeder Fehler des Torwarts wird sofort bestraft. Er hat nicht die Möglichkeit dann die restliche Spielzeit über das Feld zu hetzen, Zweikämpfe zu gewinnen und sich wieder zu behaupten und weitere Akzente zu setzen. Die fehlerhafte Aktion kann die letzte im Spiel gewesen sein und der Torwart ist dann dazu verdammt, der Depp zu sein. Dies stellt im Spiel eine besondere Drucksituation dar und erfordert vom Torwart auch einen entsprechenden Charakter. Der Torwart muss bereit sein, diesen Druck auszuhalten. Vielmehr muss er auch diese Extremsituation suchen, er muss sie sich geradezu wünschen! Der Torwart will vor diese Herausforderung gestellt werden und er will die Aufgaben meistern. Der Torwart ist auf der Jagd nach dem perfekten Spiel.

Natürlich sieht jeder Keeper sich als Teil der Mannschaft, doch letztlich ist der Torwart ein Einzelspieler im Team. Eine hervorgehobene Position und die Extremsituation und darüber hinaus die Anforderungen die an den Torwart gestellt werden, machen den besonderen Reiz aus. Die Torwartposition ist keine Position in der man sich verstecken kann oder Dienst nach Vorschrift verrichtet. Als Torhüter muss man in kürzester Zeit Entscheidungen treffen, da haben andere noch nicht angefangen zu Überlegen.

Der eine Moment im Torwart-Spiel

Jeder Torwart weiß, dass ein winziger Moment alles verändern kann! Diesen Kick braucht der Keeper! Vor dem Spiel oder auch vor dem Training, gibt es für einen Torwart kein schöneres Gefühl, als die Torwarthandschuhe anzuziehen. Jeder Keeper hat eine besondere Einstellung, ein besonderes Verhältnis zu seinen Handschuhen. Sie sind das wichtigste Arbeitsmittel. In dem Moment, in welchem man in seine Handschuhe schlüpft und den Klettverschluss schließt, fühlt man sich geborgen, sicher und auch unverwundbar. Die Handschuhe sind nicht nur Ausrüstung, sie sind die Rüstung für den Kampf, den Wettkampf! Ob man dies mit dem Gefühl eines Spielmachers vergleichen kann, der seine Hightech-Fussballschuhe anzieht, kann ich als Torwart nicht wirklich bewerten. Ich selbst weiß nur, dass die Handschuhe für das Wohlbefinden des Torwarts elementar sind. Und dann geht es raus auf den Platz. Die Körpersprache ist wichtig. Dem Gegner soll vermittelt werden, dass da jemand im Tor steht, der unbezwingbar ist. Der sich unerschrocken den gegnerischen Spielern entgegenwirft und der die härtesten Schüsse abwehren kann.

Die letzte Verteidigungslinie

Der Torwart ist die letzt Bastion und vielleicht spielentscheidend. Dies soll schon beim Einschießen vermittelt werden. Ein selbstbewusster und sicherer Torwart gibt jeder Fußballmannschaft Vertrauen und Sicherheit. Dies ist eine wichtige Komponente im Wechselspiel zwischen Feldspielern und Torwart. Dann geht es los für den Keeper. Er muss sich entscheiden zwischen dem Reagieren und dem Antizipieren, zwischen einem risikoreichen Spiel und einer eventuell konservativeren Spielweise. Er muss entscheiden und handeln und dies in kürzester Zeit. Was gibt es schöneres, als sich in diese Extremsituation zu begeben? Wer etwas riskiert, der kann natürlich auch Fehler machen. Ein guter Torwart zeigt sich dann in einer Situation, in welcher er einen Fehler gemacht hat. Ist er in der Lage, den Fehler direkt abzuhaken, so ist er ein Guter. Wer sich durch einen Fehler im Spiel aus dem Konzept bringen lässt und dann leistungsmäßig abfällt, hat noch viel zu tun, vor allem im Kopf! Nach dem Spiel gilt es den Fehler dann zu analysieren um es dann besser zu machen. Im Spiel muss er sofort abgehakt werden. Die nächste Situation muss kommen und muss erfolgreich gestaltet werden. Die Spieler und vor allem die Gegner müssen sehen, dass da jemand steht, der sich nicht beirren lässt und auf die nächste Aufgabe wartet. Der Torwart hat eine wichtige Bedeutung für die Mannschaft, für das Kollektiv. Wenn er sich als reiner Individualist sieht ist er nach meinem dafürhalten verkehrt am Platz. Ein Torwart der als Einzelspieler im Team seinen Job auch so versteht, dass er die Feldspieler unterstützt, ist in der Lage, einer Mannschaft eine andere innere Überzeugung und vielleicht sogar den entscheidenden Siegeswillen zu geben.

Am Ende ist es der Ruhm, den der Torwart sucht

Jeder Torwart weiß, wie es sich anfühlt, einen vermeintlich unhaltbaren Ball zu halten. Eine solche Situation spielt sich für den Torwart nahezu in Zeitlupe ab. Man sieht den Gegenspieler und den Ball, man fängt an zu antizipieren, zu spekulieren, was wird als nächstes passieren. Mitten in der Aktion, in dem Schuss, in dem Kopfball oder im Alleingang verlangsamt sich plötzlich alles. Es wird einen Moment auch ganz still, dann gibt es nur den Gegner, den Ball und den Torwart selbst. Und wie ferngesteuert gelingt es dann dem Torwart, den Ball wie auch immer noch zu erreichen. Man spürt den Kontakt und man erkennt, dass man den Ball gehalten hat, dass man ihn abwehren konnte. Wenn man dann landet und die normale Geschwindigkeit wieder eintritt, kommt auch die Geräuschkulisse. Man hört den Applaus, die anerkennenden Rufe der Mitspieler und das Adrenalin schießt bis unter die Schädeldecke. Ein solcher Moment ist für einen Torwart unbezahlbar. Diese Momente sind es, die es so erstrebenswert machen, Torwart zu sein. Letztlich ist eine einzige Parade aber nicht das entscheidende Ziel. Das große Ziel ist das perfekte Spiel, das Zu-Null-Spiel, ein fehlerfreies Spiel mit einem Sieg für die eigene Mannschaft am Ende. Diesem Spiel jagen wir Torhüter hinterher, dafür trainieren wir ein Leben lang, dafür arbeiten wir. Woche für Woche geht es darum Schwächen im Spiel, auch Enttäuschungen und Verunsicherung im Training zu bekämpfen um dann die Leistung im Tor abzurufen. Und wenn uns Torhütern das gelungen ist, wir danach mit unseren Mitspielern und Trainern gefeiert haben und dann nach getaner Arbeit froh und glücklich in der Kabine sitzen, dann macht alles Sinn!

Und eines darf man dann nicht vergessen. Das ganze macht dann einfach einen riesen großen Spaß!

 

Vergesst nicht, Torwart ist nicht nur eine Position im Fußballspiel, es ist eine Lebenseinstellung!

Author: Klaus Ohnesorge